Presse-Erklärung, 19. April 2007 Berlin

Das Netzwerk zum kulturellen Wiederaufbau im Irak ist hervorgegangen aus einem Kommuniqé zum Abschluss des Festivals „iraqi theatre at home and away“, das im September 2006 in Berlin stattfand. Die Teilnehmer des Kommuniqés beauftragten ein Komitee mit der Vorbereitung eines Unterstützungsund Austauschprogramms insbesondere im Bereich der darstellenden Künste.


Vertreter dieser Kommission kamen vom 12. – 15. April 2007 in Berlin zu einem Arbeitstreffen zusammen,
um die grundsätzlichen Perspektiven dieses Vorhabens zu konkretisieren und ein erstes
Austauschprogramm für den September 2007 zu planen.

Die Vertreter waren:
Yousif I. A. Alani Theatermacher. Vertreter des Internationalen Theaterinstituts Bagdad.
Shamaly Abe Rash Schauspieler NL.
Yasin Alnasayyir Schriftsteller, Akad. Stiftung Den Haag NL
Christoff Bleidt Regisseur, Förderband e.V. Kulturinitiative Berlin, Leiter des Theaterhaus Mitte Berlin
Ihsan Othmann Regisseur, IO-Theater Berlin
Gabriele Schohl Kulturmanagerin, Theaterhaus Mitte Berlin.
Ahmed Salar Qorbanee Intendant Salar Ensemble, Parlamentarier Nordirak
M. Akeel Yousif Schriftsteller, Dekan der Hochschule der Künste Bagdad

Folgende gemeinsamen Feststellungen liegen der Planung zugrunde:

1.1. Unter dem Begriff der irakischen Kultur verstehen wir die Gesamtheit der verschiedenen ethnischen Bevölkerungsgruppen des Irak und sehen diese Diversität als Reichtum eines modernen irakischen Staates.

1. 2. Das moderne irakische Theater hat eine Tradition die bis in die 20er Jahre des 20. Jahrunderts zurückreicht und es hatte eine Blütezeit in den 50er und 60er Jahren.
30 Jahre Diktatur und Kriege haben diese Tradition stark beschädigt, aber nicht zertört. Viele Künstler und Intellektuelle sind in für die irakische Kultur schwierigen Zeiten ins Ausland gegangen
um zu arbeiten und zu studieren und dann die Weiterentwicklung der Kultur im Irak zu fördern und zu prägen. Die Kriege haben mittlerweile die kulturelle Infrastruktur nahezu vollständig zerstört.

1. 3. Die Irakischen Künstler brauchen eine Unterstützung dringend, denn dort, wo Theater nicht gesehen werden kann oder gar nur unter Lebensgefahr erarbeitet werden kann, ist es auch in Gefahr, zu verschwinden. Und die irakische Kultur braucht ein Theater, dass nicht nur im Ausland gezeigt werden kann. Sie braucht ein Theater, das für die Menschen im Irak und in ihrer Mitte spielen und sich weiterentwickeln kann.

1. 4. Die irakischen Theatermacher brauchen Unterstützung zum Aufbau einer Infrastruktur von Theaterhäusern mit einer angemessenen technischen Ausstattung in den Provinzen. Die irakischen
Theatermacher brauchen die Erfahrungen im Umgang mit solcher Infrastruktur, um ihr Selbstbewusstsein in den Bereichen der Szenografie, der Theatertechnik und damit auch der Regie und der Schauspielkunst sich entwickeln und wachsen lassen zu können.

1. 5. Das irakische Theater braucht positive Impulse zur Förderung eines qualifizierten Nachwuchses und zur Ermutigung der Künstler, die im Irak bereit sind, trotz der vielfältigen und schweren Hindernisse ihre eigenen Wege zu finden.. Aus diesem Grund halten wir es gegenwärtig für sinnvoller, einen Erfahrungsund Begegnungsaufenthalt für irakische Künstler möglich zu machen, als mit aufwendigen Mitteln „Exportproduktionen“ nach Europa zu holen.

Es geht uns um Nachhaltigkeit. Uns ist klar, dass ein solches Vorhaben ein Weg ist und dass die Schritte besonders am Anfang wohlüberlegt und nicht zu groß bemessen sein sollten. Wenn uns dieser Anfang gelingt, haben wir die Hoffnung, dass sich daraus eine sinnvolle und effektive Perspektive zur Unterstützung des kulturellen Wiederaufbaus im Irak entwickelt.

Wir werden versuchen Folgendes zu realisieren:

2. 1. Einen vier bis sechswöchigen Arbeits- und Begegnungsaufenthalt für 12 StudentInnen aus den Bereichen Schauspiel/Tanz, Regie, Szenografie und Theatertechnik. Kinder- und Jugendtheaterarbeit wird dabei einen Themenschwerpunkt bilden. Zusätzlich könnten 2 StudentInnen des Fachbereichs Film das Projekt begleiten und ein freies Dokumentationsprojekt verwirklichen. Die StudentInnen sollten mindestens im 3. Jahr ihrer 4jährigen Hochschulausbildung sein. Die StudentInnen werden im Anschluss an ihren Aufenthalt ihre Erfahrungen in einer abschließenden freien Dokumentation verarbeiten. Sie erhalten von ihren Fakultäten eine Teilnahmebescheinigung.

2. 2. Inhaltlich gliedert sich dieser Aufenthalt in eine gemeinsame Begegnungs- und Workshop-phase mit europäischen Theaterkünstlern im Theaterhaus Mitte. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Körperarbeit als größtem gemeinsamen Nenner. Hier schafft das im September im Theaterhaus Mitte stattfindende Festival „Japan Now“ reizvolle Berührungsflächen und Synergien.

2. 3. Ergänzt wird die Arbeit durch fachliches Training, Beratung und Unterrichtung durch Referenten und Dozenten in Berlin. Hierbei rechnen wir besonders auf die Unterstützung durch Kooperationspartner des Netzwerks, wie z.B. den Bund der Szenografen, die Contra-Medienwerkstatt und kooperierende Schauspielschulen, Theater.und Einzelkünstler.

2. 4. Das Miterleben von Theaterarbeit vor und hinter der Bühne ist ein starker Impuls für die Entwicklung des eigenen künstlerischen Selbstbewusstseins. Deshalb wird ein weiterer wichtiger Bestandteil die Ermöglichung von mehrwöchigen Hospitanzen an Theatern nicht nur in Berlin sein. Auch hier rechnen wir auf Unterstützung durch schon existierende und noch zu entwickelnde Kooperationspartnerschaften.

Wir wissen, dass unser Zeitplan ( der unter anderem die Semesterferien im Irak berücksichtigen muss) eng bemessen ist. Wir wissen, dass unser Vorhaben nur durch, wenn auch nicht immense, aber doch beträchtliche, nicht leicht zu erreichende Fördermittel durchzuführen ist. Uns ist aber gleichzeitig klar, dass es notwendig ist, jetzt etwas zu tun, einen ersten Schritt zu gehen, den wir für sinnvoll und möglich halten, in der Hoffnung, Unterstützung zu finden und diesem Schritt weitergehende Schritte folgen lassen zu können.

Für Rückfragen, Informationen und Übersendung von weiterem Dokumentationsmaterial stehen wir gern zur Verfügung.

Ansprechpartnerin:
Gabrielle Schohl
Theaterhaus Mitte, Koppenplatz 12
10115 Berlin, Tel.:+49 30- 24048 683
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