Arbeitstreffen in Bagdad

Vom 01. bis 07. November 2010 nahmen Vertreter/innen des Netzwerkes zum kulturellen Wiederaufbau im Irak auf Einladung des Kulturministeriums der  Republik Irak, Amt für Kino und Theater, am Ersten Irakischen Theaterfestival für Nachwuchskünstler im Theaterhaus Muntada Al-Masrah in Bagdad teil. Ziel des Arbeitstreffens war es, sich einen Eindruck über die gegenwärtige Situation des Theaters im Irak zu verschaffen, neue Projekte zu diskutieren, Handlungsfelder für die künstlerische, technische und organisatorische Unterstützung zu eruieren und weitere Kooperationspartner vor Ort zu finden. Die Projekte des Netzwerkes sollen insbesondere junge irakische Künstler/innen ermutigen, ihre Identität, Probleme und Visionen zu formulieren. In Kooperation mit Künstlern, Hochschulen und Kulturverantwortlichen aus dem Irak und Deutschland finden seit 2006 regelmäßig Arbeits- und Theatertreffen, Workshops und Hospitanzen statt. Aufgrund der schwierigen Sicherheitslage war jedoch bislang ein Arbeitstreffen in der irakischen Hauptstadt nicht möglich.

 


 

Die deutsche Delegation aus dem Theaterhaus Berlin Mitte hat die Signifikanz der ausländischen Gastrolle verstanden und sich trotz der Warnungen des Auswärtigen Amtes in die Obhut des Kulturministeriums und vieler befreundeter irakischer Künstler begeben, die mit großem Einsatz die Gewährleistung der Sicherheit für die ausländischen Gäste verantworteten. Nach jahrelanger Isolation ist das starke Bedürfnis der irakischen Thea terschaffenden, aber auch des Publikums nach einem Erfahrungsaustausch deutlich vernehmbar und gut zu verstehen.Dank der Initiative einiger Protagonisten und mit Unterstützung des Kulturministeriums der Republik Irak sowie mit Beteiligung der Hochschule der Künste Bagdad und der einzelnen irakischen Provinzen wurde nun das Irakische Theaterfestival für Nachwuchskünstler ins Leben gerufen. Solche Veranstaltungen waren in den vergangenen Jahren aufgrund der Sicherheitslage in Bagdad nicht denkbar. Organisiert wurde das Festival von Frau Dr. Ikbal N. Salman. Frau Ikbal ist Generaldirektorin der Theater der Republik Irak. Als Schauspielerin hatte sie an verschiedenen Treffen in Berlin teilgenommen, zuletzt im Oktober 2010.

Spielort des Festivals war das Theaterhaus Muntada Al-Masrah in der Rasheed Strasse, eine der ältesten Strassen Bagdads. Muntada Al-Masrah, am Ostufer des Tigris gelegen, ist ein vom Kulturministerium der Republik Irak finanziertes Theaterhaus mit zwei Aufführungsmöglichkeiten. Eine Bühne befindet sich im Innenhof des im babylonischen Stil erbauten Hauses. Eine zweite Bühne wurde im Garten unmittelbar am Ufer des Tigris errichtet.

Die idyllische Atmosphäre von Muntada Al-Masrah   lässt für eine kurze Zeit vergessen, dass nur wenige Meter entfernt die Konflikte der Region immer noch mit mörderischer Gewalt eskalieren. Eine Gewalt, in die die junge Generation hineingeboren wurde, die ihr eingeschrieben ist, als Teil ihrer Identität, und die sie mit großer Hoffnung und positiver Energie überwinden möchte.

Auf dem Festival wurden sechs Theaterproduktionen von Nachwuchskünstlern aus verschiedenen Teilen des Landes gezeigt, die von einer Jury bewertet wurden. Außerhalb des Wettbewerbes wurden von jungen irakischen Darsteller/innen drei Eigenproduktionen aus dem Bereich Tanzperformance aufgeführt sowie zwei Beiträge einer ägyptischen Theatergruppe aus Alexandria. Die Berliner Compagnie Molisetti stellte ihr Kindertheaterstück "Léopoldine" vor.

Wenn auch nicht vergleichbar mit dem Stand der gegenwärtigen europäischen Tanz- und Theatertechniken, ist die positive Energie bemerkenswert, die innere Kraft und der Mut der Nachwuchskünstler sich mit gesellschaftskritischen, politischen und tabuisierten Themen auseinanderzusetzen und sich auf der Suche nach neuen Formen mitzuteilen. Dies wurde auch von der zehnköpfigen Jury besonders hervorgehoben. Die Jury vergab an die irakischen Aufführungen Preise für den besten Darsteller, die beste Szenografie und die beste Regie. Der Preis für die beste Darstellerin konnte nicht vergeben werden, weil nur eine Schauspielerin vertreten war. Den Preis für die beste Aufführung erhielt der Regisseur Tahrir Al-Asadi für seine Abschlussarbeit "Strasse der Ereignisse" nach Heiner Müller. Einen Sonderpreis erhielten die Performancedarbietungen, verbunden mit der Empfehlung, diesen Bereich in die Unterrichtsgestaltung mit einzubeziehen. Außerdem stellte das Komitee der Theaterkritiker einen acht Punkte umfassenden Empfehlungskatalog vor.

Neben der Teilnahme am Festival standen für die deutschen Gäste verschiedene Treffen mit Kulturverantwortlichen der Republik Irak sowie mit möglichen Kooperationspartnern und Unterstützern für weitere Projekte auf dem Programm.


Hierzu gehörte der Besuch im Kulturministerium. Der Kulturminister, Herr Kathan Al-Dschaburi betonte die Bedeutsamkeit, internationale Erfahrungen in den Irak zu bringen, um eine Weiterentwicklung im Bereich der bildenden und darstellenden Kunst zu unterstützen.

Die Delegation war von Yousif Akeel Mahdi, dem Dekan der Fakultät für die Künste an der Universität Bagdad zu einem Besuch eingeladen worden. Die Fakultät ist seit 2007 Partner des Netzwerkes. In diesem Zusammenhang wurden erste Gespräche für einen Studentenaustausch zwischen der Fakultät der Schönen Künste Universität Bagdad und der Schauspielschule "Ernst Busch" geführt.

Bei einem Besuch in der deutschen Botschaft begrüßte Christian Berger, der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, die Initiative der deutsch-irakischen Zusammenarbeit. Er stellte im Rahmen seiner Möglichkeiten auch eine Unterstützung zukünftiger deutsch-irakischer Projekte in Bagdad in Aussicht.

Gemeinsam mit den französischen Partnern besuchte die Delegation das "Centre Culturel Français de Bagdad". Jean-Michel le Dain, der Beauftragte für kulturelle Zusammenarbeit bei der Französischen Botschaft, begrüßte die Aktivitäten des Netzwerkes und signalisierte seine Unterstützungsbereitschaft für zukünftige gemeinsame Projekte.  

Mit der Delegation aus Paris und den irakischen Partnern wurde während des Arbeitstreffens ein Theaterprojekt mit Beteiligung der drei Länder zum Thema "Fremde in der Heimat" ausgearbeitet. Innerhalb des Irak werden die Städte Bagdad, Erbil und Kerkuk miteinbezogen.

Für das im April 2011 geplante Theaterfestival im Nationaltheater Bagdad wird das Theaterhaus Berlin Mitte die Organisatoren bei der Einladung von Theaterproduktionen aus Berlin beraten.

Die deutsche und französische Delegation sah sich die Ausstellung "Absence of Memory" des Illustrators Mansour Albakri in der Hewar Galerie Bagdad an. Mansour Albakri emigrierte 1971 und lebt und arbeitet in Berlin. Nach fast 30 Jahren Abwesenheit war er nun auf Einladung von Qasim Sabti, Maler und Leiter der Hewar Galerie mit seiner Werkschau in Bagdad zu sehen. Anwesend war auch der bekannte irakische Bildhauer   Mohammed Ghani Hikmat, der unter anderem die bedeutenden Skulpturen "Scheherazade" und "Die Vierzig Räuber" für Bagdad geschaffen hat.